Spezialführung im KHM: Manierismus

Klar ist auch der Besuch von ganzen Ausstellungen oder gar der Weg durch ein gesamtes Museum spannend. Und ja, der Gedanke „Wow, ich hab ein ganzes Museum in einer Stunde geschafft“, ist mir schon gekommen. Aber im ersten Tutorium meines Kunstgeschichtestudiums musste ich feststellen, dass meistens schon ein Bild für die eine Stunde reicht. Wenn man es nur aufmerksam genug betrachtet. Ich bin nie streng mit mir, daher sehe ich über diesen Faux Pas des Durcheilens milde hinweg und lerne.

Kennt ihr das Gefühl: ihr seht ein Bild an und euch fallen die wichtigsten Elemente auf. Wenn es aber jemand erklärt, der das Bild kennt, ploppen nach der Reihe noch viele andere Elemente, die sich eurem Blick bisher entzogen haben, auf. Und ich meine das mit dem „Aufploppen“ wirklich so. Plötzlich ist da z.B. ein Löwe unter dem Schreibtisch – er ist riesig, wie konnte ich ihn übersehen? Aber so ist das nun mal – das Auge konzentriert sich auf das Wesentliche und lässt scheinbar Unwichtiges weg.

Um möglichst viel Übung im aufmerksamen Sehen zu bekommen, nehme ich nun regelmäßig an Führungen in verschiedenen Museen teil. Letzte Woche besuchte ich zum ersten Mal die freitägliche Vormittagsführung und – soviel gleich vorweg – es war sehr spannend und ich konnte schon Gelerntes mit vielen neuen Informationen verknüpfen.

Das Thema war „Manierismus“ und wurde anhand von mehreren Bildern in den Gemäldegalerien erklärt. Startpunkt war Tintorettos „Susanna im Bade“, das in echt natürlich viel besser aussieht als auf diesem Foto:

Jacopo Robusti, called Tintoretto - Susanna and the Elders - Google Art Project

Tintoretto [Public domain], via Wikimedia Commons – Susanna and the Elders – Beispiel für Manierismus

3 Short Facts zum Manierismus (Quelle: Wikipedia*)

1. Manierismus (von italienisch maniera‚ „Art und Weise“, „Stil“, „Manier“) ist eine kunsthistorische Bezeichnung für eine Form der Spätrenaissance in Italien.

2. Der Manierismus zeichnet sich durch Ausschöpfung aller technischen Möglichkeiten zur extremen Gestaltung aus, die dazu dient, den eigenen Stil, die „maniera“, hervorzuheben.

3. Als manieristisch lassen sich italienische Kunstwerke bezeichnen, die etwa in der Zeit von 1520 (Tod Raffaels) bis 1600 entstanden sind, für Frankreich währt dieser Zeitraum etwa von 1550 bis 1610, für Flandern, die Niederlande und Deutschland etwa von 1560 bis 1610.

Das Hauptmotiv im Bild ist die Susanna, die eben aus dem Bad steigt. Auffällig sind die leuchtenden Farben, der hell-dunkel („Chiaroscuro“) Effekt der Susanna, der ihr Inkarnat strahlen lässt. Auch sieht man bei ihr eine leichte Drehbewegung am Körper (die „Figura serpentinata“ lässt schon grüßen). Sie wird von zwei älteren Männern beobachtet,

Figurale Randerscheinungen, die die Funktion haben, den Blick des Betrachters in die Tiefe zu ziehen, werden als „Repoussoir-Figuren“ bezeichnet. (Quelle: Wikipedia*)

einer der älteren „Spechtler“ fällt sogar fast aus dem Bild heraus (Repoussoir-Figur) und will uns mit dieser auffälligen Platzierung und auch seinem warnend-rotem Mantel auf sich aufmerksam machen. Sehr unsympathisch die Männer, beobachten sie die Susanna ja heimlich und sicherlich nicht mit guten Absichten. Aber natürlich wird hier auch der Betrachter irgendwie zum Voyeur.

Auch der Rahmen des Bildes ist beachtenswert, da es sich um den Original-Rahmen handelt, der in venezianischer Kunstfertigkeit (Tintoretto stammte ja aus Venedig) gearbeitet ist.

Wir haben uns noch einige Bilder angesehen zu denen Dr. Rotraut Krall wurde, welche manieristischen Eigenschaften ihnen eigen sind und wie sich die Darstellungen von Figuren (z.B. eben die Figura serpentinata) entwickelt haben. Darunter Parmigianinos „Bogenschnitzender Amor“, bei dem die Putti zwischen den Beinen den Kampf zwischen platonischer Liebe und körperliche Liebe ausfechten und auch die Heilige Margaretha von Raffael (und Werkstatt) war Teil dieser aufschlussreichen Führung.

Dr. Rotraud Krall, Kunsthistorisches Museum Wien, Raffael, Hl. Margarete

Spezialführung im Kunsthistorischen Museum: Hier konzentriert man sich auf einzelnen Künstler, folgt einer Bildtradition oder lernt eine Objektgattung kennen. Mehr Information auf der Website des KHM.

*Ja, ja – ich weiss, dass Wikipedia keine wissenschaftliche Quelle ist. Aber ich schreibe ja hier keine Seminararbeit ;-).

Kommentare (2)

  1. Pinkback: Peter Paul Rubens - die Kraft der Verwandlung – Fridays at the museum

  2. Pinkback: Wes Anderson und Juman Malouf im Kunsthistorischen Museum Wien – Fridays at the museum

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