Ai Weiwei in der Albertina Modern: In Search Of Humanity

Was für ein Vormittag. Bei der Presse-Eröffnung der Ai Weiwei Ausstellung „In Search of Humanity“ hat es gebrummt. Und zurecht, wie ich finde, weil a) the artist was present und b) es ist – wie der Künstler selbst sagt – seine umfassendste Retrospektive. Als Besucherin hat man das Gefühl, dass sich die Aspekte seines Werkes in jedem Raum verändern und man durch die „Ai Weiwei-Phasen“ reist. Die Ausstellung ist definitiv ein must-see – für Kritikerinnen und Fans gleichermaßen. Hier ein paar Einblicke…

Sunflower Seeds

Mein erstes Zusammentreffen mit Weiweis Werk war die Ausstellung „Sunflower Seeds“ in der Turbinenhalle des Tate Modern im Jahr 2010. Überwältigend. Millionen von kleinen Kunstwerken, jedes scheinbar identisch, aber tatsächlich einzigartig, denn diese „lebensgroßen“ Sonnenblumenkernschalen wurden in Wirklichkeit in aufwändiger Handarbeit aus Porzellan gefertigt. Ein kleiner Teil dieser Sunflower Seeds hat es auch nach Wien in die Albertina Modern geschafft und mir einerseits einen schönen Moment der Erinnerung verschafft.

Sunflower Seeds ist ein Werk von Ai Weiwei, das im Moment in der Albertina Modern ausgestellt wird

Sunflower Seeds, Ai Weiwei, Albertina Modern. Foto: fridays at the museum

Lego

Ai Weiwei ist ein großer Fan von Demokratisierung der Kunst, was auch sein gemeinsames Projekt „Safety Jackets Zipped The Other Way“ mit Hornbach zeigt, über das ich hier geschrieben habe. Demokratisierung ist ein Mitgrund dafür, dass er einige seiner Werke aus Legosteinen baut. Jeder kann sie bekommen und seine Werke nachbauen. In der Albertina hängen für die Dauer der Ausstellung „In Search of Humanity“ einige Lego-Werke: ein Rubens „Nachbau“ mit einem Pandabär Cameoauftritt, die Route der Sea Watch unter Kapitänin Carola Rackete, chinesische Tierkreiszeichen und viele mehr.

The Navigation Route of the Sea Watch 3 Migrant Rescue Vessel ist ein Werk von Ai Weiwei, das im Moment in der Albertina Modern ausgestellt wird

The Navigation Route of the Sea Watch 3 Migrant Rescue Vessel, June 2019, Ai Weiwei. Foto cropped: fridays at the museum

China

Ai Weiweis Werke sind selbstverständlich von der Auseinandersetzung mit seinem Heimatland China geprägt. Er musste die Verbannung seines Vaters, der Dichter Ai Qing, miterleben und natürlich auch die Auswirkungen der Kulturrevolution.

Sein ausgestreckter Mittelfinger, den er bekannten Bauwerken als Repräsentationsobjekten der Macht entgegenhielt und damit Missstände anprangerte, wurde schließlich zu seinem Markenzeichen.

Viele seiner Mittelfingerfotos bzw. auch Bronzen findet man in der Ausstellung. Fasziniert haben mich auch die „Zodiac Heads“: für viele Chinesen symbolisieren die Originalköpfe das „Jahrhundert der Demütigung“, das China ab der späten Qing-Dynastie durch westliche und japanische Invasoren erlitt. Das Werk von Ai Weiwei mit dem Titel „Circle of Animals/Zodiac Heads“ kann als Kommentar zur historischen Erinnerung verstanden werden.

Zodiac Heads, Ai Weiwei, Albertina Modern. Foto: fridays at the museum

Flüchtende

Ai Weiwei ist internationaler Menschenrechtsaktivist und setzt seit 2015, das Jahr in dem er seinen Reisepass von den chinesischen Behörden zurückbekommt und nach Berlin zieht, einen schwerpunkt auf die weltweite Situation Füchtender, die er neben der Einschränkung der Meinungsfreiheit als eine der größten humanitären Krisen versteht. Im Vordergrund sieht man Schwimmwesten von Flüchtenden – Weiwei hat einige Zeit auf Lesbos verbracht, geholfen und für seine Kunst gesammelt. Dabei ist auch das Bild im Hintergrund enstanden, für das er weltweit Kritik geerntet hat.

Crystal Ball, 2017, Ai Weiwei. Im Hintergrund: Ai Weiwei , wie er das weltbekannte Foto des toten syrischen Kindes am Strand nachstellt.

Ich werde die Ausstellung auf jeden Fall nochmal in Ruhe besuchen. Die unterschiedlichen Formate und die schiere Menge der Objekte benötigen wirklich Zeit zum Betrachten und Reflektieren.

v.l.n.r.: Kurator Dieter Buchhart, Ai Weiwei, Klaus Albrecht Schröder, Elsy Lahner. Im Hintergrund an der Wand: Fuck, Ai Weiwei, 2000

Die umfangreiche Retrospektive in der Albertina modern befasst sich eingehend mit dem Aspekt der Menschlichkeit und der künstlerischen Stellungnahme in Ai Weiweis Schaffen. Die Ausstellung ist von 16. März bis 4. September 2022 zu sehen.

Außerdem zeigt das Stadtkino ab 14. März sieben Filme von und mit Ai Weiwei.

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