Thomas Bayrle im MAK: ein mustergültiger Auftritt

Die Ausstellung „Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“, die eine Reflexion von Thomas Bayrle auf die Sammlung des MAK darstellt, läuft seit Ende Oktober in Wien. Ich habe zwei freie Stunden genutzt um mir die Kunst des 1937 geborenen Berliners genauer anzusehen. Ein vollumfassender Bericht wäre definitiv zu umfangreich, denn Bayrle bespielt Säulenhalle, Designlabor, Galerie und die Schausammlung Gegenwartskunst – daher hebe ich wie gewohnt einige Kunsterfahrungen, die mich beeindruckt haben, hervor.

Wenn man die Säulenhalle betritt, wird man gleich vom bodenfüllenden, begehbaren Szenenbild „iPhone meets Japan“ überwältigt. Am besten man spaziert darüber hinweg und begibt sich in den 1. Stock, da man es von dort aus viel besser betrachten und wirken lassen kann. Aufmerksame Besucher lesen den Kuratoren-Beschreibungstext zuerst und können damit schneller das Sujet eines „Shunga“* – konkret ein Paar, das sich dem Duftspiel hingibt – von Nishikawa Sukenobu, das ebenfalls aus der MAK-Sammlung stammt, erkennen. So man auf der richtigen Seite steht ;-).

Thomas Bayrle, MAK, iPhone meets Japan, 2017

Thomas Bayrle hat ursprünglich den Beruf des Webers und Musterzeichners gelernt – die Anwendung in der Kunst folgte später. Das Ornament ist ihm dabei definitiv geblieben, wie man ganz leicht an seiner Werksammlung „iPhone Pietá“ erkennen kann. Das Weben, Vernetzen bzw. das Serielle als graphisches Grundprinzip sind bestimmende Elemente seiner Arbeit, die auch in der Tradition von Pop-Art arbeitet.

Mit Metaphern des Färbens, Webens und Programmierens untersucht er die Ambivalenz von Kunst, Handwerk, Industrie und lässt kaleidoskopartige Formen – Ornamente der Masse – entstehen. Art Magazin

Seine Bildelemente stammen oftmals aus der Welt der Konsumgüter, die beliebig wiederholbar sind (Masse/Massenproduktion) – diese beliebige Reproduzierbarkeit findet man eben auch in den Pietá-Werken wieder: Das oberflächlich kitschige Vesperbild der Madonna mit dem vom Kreuz abgenommenen Christus im Schoß (mater dolorosa) dient als Umriss und ad hoc erkennbares Motiv. Tritt der Betrachter näher erkennt er das iPhone Muster, das ihm schon in der Säulenhalle begegnet ist bzw. alternativ springen einem auch Totenköpfe en masse entgegen. Die Tapisserie ist wie der Altar im Sakralraum positioniert, wurde von Hand gefärbt und in verschiedenen Texturen und Materialien von einem Atelier in Aubusson (Frankreich) gewebt, wo das Weben in Kollektiven seit sechs Jahrhunderten Tradition hat.

MAK-Schausammlung Gegenwartskunst © MAK/Georg Mayer

iPhone Pietá, MAK-Schausammlung Gegenwartskunst © MAK/Georg Mayer

Sehr schön anzusehen ist auch die Detail- bzw. Rückenansicht der Tapisserie:

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Auch im MAK Design Labor im Untergeschoss wird man wieder an die Weberei erinnert.

Die schwebende Formation SARS (2008) entwickelte Bayrle als modulare Struktur, die in der Ausstellung gleichzeitig als Raumfigur eine formale und narrative Ordnung vorgibt. In seinem Reliefbild $ (1980) aus Karton, wo Miniaturautos Bahnen ziehen, zeichnet Bayrle den Knoten der Autobahn als Dollarzeichen, ein öko- nomisches wie politisches Symbol.MAK

Thomas Bayrle, MAK, SARS (2008)

Thomas Bayrle, MAK, SARS (2008) schwebt als als Hauptwerk bzw. Anziehungspunkt im Raum

Thomas Bayrle, MAK, Reliefbild $ (1980)

Definitiv ein must-see für Freunde von Pop-Up, Ornamenten und Kritik am Massenkonsum. Die Ausstellung läuft noch bis 2. April 2018.

In den MAK-Ausstellungen werden Positionen aus angewandter Kunst und Gegenwartskunst, Architektur, Design und Neuen Medien präsentiert und die wechselseitigen Beziehungen dieser Bereiche laufend thematisiert. Der Thomas Bayrle Schwerpunkt ist noch bis 2. April 2018 zu sehen. Mehr Infos dazu findet man auf der MAK-Website.

*Shunga: Gemälde, Drucke und Bilder jeder Art, die in expliziter Weise sexuelle Handlungen darstellen.(Quelle: Wikipedia)

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