Ich war Anfang Juni in Venedig um die Kunstbiennale 2026 zu besuchen und mir selbst ein Bild davon zu machen, was im Österreich Pavillon abgeht. Hinweis 1 auf ungewöhnliche Aktivitäten war die Triggerwarnung für den AT Pavillon beim Eingang zur Biennale. Hinweis 2: die lange Schlange vor dem Eingang, die man auf Instagram schon beobachten konnte. Klarerweise bin ich um 10.50 Uhr vor den Giardini gestanden, damit ich unter den ersten Besucherinnen bin. Na gut, ich gebe zu, es war sogar 9.50 Uhr, aber da war noch alles chiuso. Gut, dass es gleich nebenan das „In paradiso“ und besten Cappucino gibt!
Fotocredit: Fridays at the museum, Triggerwarnung / I live in your piss / Besucherinnen und Wassertank im Hintergrund
Für alle, die noch gar nichts zum Österreich-Beitrag zur diesjährigen Biennale dell’Arte gelesen oder gesehen haben: Florentina Holzinger und ihr Kollektiv haben den Raum in eine funktionierende Schmutzwasser-Wiederaufbereitungsanlage verwandelt. Die Innenräume sind geflutet, ein großer Wassertank und Dixie-Klos dominieren das Bild im Hof, und vor dem Gebäude baumelt eine massive Glocke an einem Kran.
Und bevor es im Text weitergeht, noch eine Info zur Quelle: ich hab einige Interviews mit Florentina Holzinger gelesen und gehört. Aber das 2-stündige Ö1 „Diagonal“ – Zur Person: Florentina Holzinger erschien mir als beste Gesamtquelle um konkretere Aussagen, die ich der Künstlerin im Text zuordne zu referenzieren. Nicht wissenschaftlich, aber wir sind ja hier unter uns.
Vom Kunsttempel zur Kläranlage
Der Pavillon selbst wurde in den 1930er Jahren von Josef Hoffmann konzipiert und kann als „Kunsttempel“ mit pseudosakraler Anmutung (zum Beweisfoto) gelesen werden. Dieses Jahr fungiert er gleichzeitig als Repräsentationsgebäude, Kirche und Kläranlage. Das Wasser, das den Wassertank (und die Räume?) füllt, stammt aus den Körperflüssigkeiten der Besucher:innen und wird in einem ökologischen Kreislauf aufbereitet. Für Holzinger geht es dabei stark um die „Verhandlungen von Schmutz versus Reinheit und wer die Verantwortung dafür trägt“. Das Körperflüssigkeiten-als-Material-Prinzip steht dabei in einer langen Tradition feministischer Body Art. Diese Thematik spiegelt auch die paradoxe Situation Venedigs wider: Eine Stadt, die im Wasser versinkt und vom Massentourismus überflutet wird, sich aber dennoch ständig selbst recycelt.
Warum sind die (fast) alle nackt?
Ein zentrales Element, das viele Besucher:innen und die Gesellschaft per se (wir denken an die Triggerwarnung von oben), ist die Nacktheit der Performerinnen. Holzinger nutzt den nackten weiblichen Körper jedoch nicht als sexualisiertes Objekt, sondern als aktives Werkzeug und Instrument. Sie bezieht sich dabei direkt auf die venezianische Renaissance und Giorgiones Gemälde „Die schlummernde Venus“ (1510), eines der ersten liegenden Aktgemälde der Kunstgeschichte. Holzinger dreht dieses Motiv um: Die schlummernde Venus, auf die Venedig so stolz ist, die „muss aufgeweckt werden“. Aus dem passiven, betrachteten Objekt wird ein handelnder, arbeitender Körper, der sich von historischen Rollenbildern wie der „Heiligen“ oder der „Sünderin“ befreit.
Ausflug in die Performancekunst
Von außen wird Holzinger in Österreich quasi reflexartig in die Tradition des Wiener Aktionismus gestellt und als heimische Vorläufer im Umgang mit dem Körper als künstlerischem Material liegt das auch nahe. Holzinger selbst distanziert sich davon, auch wenn es sie nicht massiv zu stören scheint: Sie nennt ihre Interventionen im öffentlichen Raum bewusst „Etüden“ statt „Aktionen“, um sich von dieser Genealogie abzugrenzen.
Meine Meinung: die Künstlerinnen, mit denen ihre Arbeit (nicht unbedingt nur bei der Biennale) eher in Dialog tritt, sind jene, die die globale Performance-Geschichte nachhaltiger geprägt haben als die Wiener Aktionisten. Carolee Schneemann etwa, die in Interior Scroll (1975) eine Schriftrolle aus ihrer Vagina zog und damit den weiblichen Körper zur Quelle von Wissen und Autorschaft erklärte – nicht zum Objekt. Marina Abramović, die in Rhythm 0 (1974) ihren Körper als passives Material zur Verfügung stellte und damit die Grenze zwischen Subjekt und Objekt radikal befragte. Hannah Wilke, die mit ihrem nackten Körper als politischer Aussage die Mechanismen des Blicks auf Weiblichkeit sezierte. Und Gina Pane, die Selbstverletzung als rituellen, kontrollierten Akt verstand. Eine Haltung, die Holzingers eigenem Umgang mit Schmerz und Körpergrenzen strukturell näher steht. Was diese Künstlerinnen eint und was Holzingers Arbeit von der aktionistischen Tradition unterscheidet: Der Körper gehört hier den Frauen selbst. Sie inszenieren sich nicht für einen fremden Blick, sondern handeln aus sich heraus. Und wenn man doch in der österreichischen Kunstgeschichte bleiben will, dann nennen wir zumindest zuerst Valie Export und dann erst Hermann Nitsch und Günter Brus.
Ist das Theater oder Kunst?
Die Performance selbst sprengt die Grenzen zwischen Theater und bildender Kunst. Holzinger, die aus dem Theaterbereich kommt, nutzt dramaturgische Spannungsbögen – vom ruhigen Beginn bis zu hochschlagenden Wellen durch einen Jet-Ski. Gleichzeitig entstehen in Momenten des Innehaltens skulpturale Posen, etwa wenn die Performerinnen den „Wetterpfahl“, dessen Ende von außerhalb des Pavillons zu sehen ist, erklimmen und in Dialog mit starren, überlebenslebensgroßen Bronzefiguren treten.
Die Glocke
In die Glocke, die die Besucher:innen des Pavillons empfängt, ist Ciceros Ausruf O tempora, o mores! – „Oh, was für Zeiten! Oh, was für Sitten!“ – eingraviert. Einmal pro Stunde klettert eine Performerin am Seil hoch, hängt sich kopfüber hinein und fungiert als menschlicher Klöppel. Das Motiv ist mehrfach aufgeladen: Es zitiert Hieronymus Boschs Höllenszenen, in denen Menschenkörper an Musikinstrumente gefesselt als Werkzeuge der Bestrafung dienen, und es ist zugleich ein Selbstzitat, denn die Glocke taucht bereits in Holzingers Oper Sancta auf. Gleichzeitig ruft sie die klassische Ikonografie des Kirchengeläuts auf: Die Glocke als Ruf zur Ordnung, zur Messe, zur Gemeinschaft. Hier aber läutet keine Mechanik, kein Ding, sondern ein Frauenkörper – und der Satz, der seit der Antike als Klage über den moralischen Verfall der Zeit gilt, wird nicht gesprochen, sondern verkörpert. Also vielleicht ist der Ausruf dem Ende des Patriarchats gewidmet. Oder dem Verfall Venedigs. Man weiss es nicht.
Mein Fazit
Florentina Holzingers SEAWORLD VENICE ist eine (wie immer bei ihr) hochprofessionelle, dichte Arbeit, die drängende ökologische und gesellschaftliche Fragen aufwirft, ohne dabei allzu moralisierend zu wirken. Durch die Aneignung und Umkehrung kunsthistorischer Motive – von der Renaissance-Venus bis zu Hieronymus Bosch – gelingt es Holzinger, den weiblichen Körper als kraftvolle, selbstbestimmte Instanz zu inszenieren. Wer sich auf dieses intensive Erlebnis einlässt, wird mit eindrücklichen Bildern belohnt.
Referenzen
Ö1 Diagonale Zur Person Florentina Holzinger. Leider schon im Archiv verschwunden – ein wunderbarer Beitrag von Petra Erdmann.
Die Biennale läuft noch bis 22. November. Montag ist die Biennale geschlossen. Achtung: Am besten nochmal extra informieren, wann der AT Pavillon geöffnet hat – im Moment ist er am Dienstag geschlossen. Mehr Infos zum Österreichischen Beitrag zur Biennale und Kuratorinnen-Statement von Nora-Swantje Almes: https://www.seaworldvenice.at/
Ich war Anfang Juni in Venedig um die Kunstbiennale 2026 zu besuchen und mir selbst ein Bild davon zu machen, was im Österreich Pavillon abgeht. Hinweis 1 auf ungewöhnliche Aktivitäten war die Triggerwarnung für den AT Pavillon beim Eingang zur Biennale. Hinweis 2: die lange Schlange vor dem Eingang, die man auf Instagram schon beobachten konnte. Klarerweise bin ich um 10.50 Uhr vor den Giardini gestanden, damit ich unter den ersten Besucherinnen bin. Na gut, ich gebe zu, es war sogar 9.50 Uhr, aber da war noch alles chiuso. Gut, dass es gleich nebenan das „In paradiso“ und besten Cappucino gibt!
Fotocredit: Fridays at the museum, Triggerwarnung / I live in your piss / Besucherinnen und Wassertank im Hintergrund
Für alle, die noch gar nichts zum Österreich-Beitrag zur diesjährigen Biennale dell’Arte gelesen oder gesehen haben: Florentina Holzinger und ihr Kollektiv haben den Raum in eine funktionierende Schmutzwasser-Wiederaufbereitungsanlage verwandelt. Die Innenräume sind geflutet, ein großer Wassertank und Dixie-Klos dominieren das Bild im Hof, und vor dem Gebäude baumelt eine massive Glocke an einem Kran.
Und bevor es im Text weitergeht, noch eine Info zur Quelle: ich hab einige Interviews mit Florentina Holzinger gelesen und gehört. Aber das 2-stündige Ö1 „Diagonal“ – Zur Person: Florentina Holzinger erschien mir als beste Gesamtquelle um konkretere Aussagen, die ich der Künstlerin im Text zuordne zu referenzieren. Nicht wissenschaftlich, aber wir sind ja hier unter uns.
Vom Kunsttempel zur Kläranlage
Der Pavillon selbst wurde in den 1930er Jahren von Josef Hoffmann konzipiert und kann als „Kunsttempel“ mit pseudosakraler Anmutung (zum Beweisfoto) gelesen werden. Dieses Jahr fungiert er gleichzeitig als Repräsentationsgebäude, Kirche und Kläranlage. Das Wasser, das den Wassertank (und die Räume?) füllt, stammt aus den Körperflüssigkeiten der Besucher:innen und wird in einem ökologischen Kreislauf aufbereitet. Für Holzinger geht es dabei stark um die „Verhandlungen von Schmutz versus Reinheit und wer die Verantwortung dafür trägt“. Das Körperflüssigkeiten-als-Material-Prinzip steht dabei in einer langen Tradition feministischer Body Art. Diese Thematik spiegelt auch die paradoxe Situation Venedigs wider: Eine Stadt, die im Wasser versinkt und vom Massentourismus überflutet wird, sich aber dennoch ständig selbst recycelt.
Warum sind die (fast) alle nackt?
Ein zentrales Element, das viele Besucher:innen und die Gesellschaft per se (wir denken an die Triggerwarnung von oben), ist die Nacktheit der Performerinnen. Holzinger nutzt den nackten weiblichen Körper jedoch nicht als sexualisiertes Objekt, sondern als aktives Werkzeug und Instrument. Sie bezieht sich dabei direkt auf die venezianische Renaissance und Giorgiones Gemälde „Die schlummernde Venus“ (1510), eines der ersten liegenden Aktgemälde der Kunstgeschichte. Holzinger dreht dieses Motiv um: Die schlummernde Venus, auf die Venedig so stolz ist, die „muss aufgeweckt werden“. Aus dem passiven, betrachteten Objekt wird ein handelnder, arbeitender Körper, der sich von historischen Rollenbildern wie der „Heiligen“ oder der „Sünderin“ befreit.
Ausflug in die Performancekunst
Von außen wird Holzinger in Österreich quasi reflexartig in die Tradition des Wiener Aktionismus gestellt und als heimische Vorläufer im Umgang mit dem Körper als künstlerischem Material liegt das auch nahe. Holzinger selbst distanziert sich davon, auch wenn es sie nicht massiv zu stören scheint: Sie nennt ihre Interventionen im öffentlichen Raum bewusst „Etüden“ statt „Aktionen“, um sich von dieser Genealogie abzugrenzen.
Meine Meinung: die Künstlerinnen, mit denen ihre Arbeit (nicht unbedingt nur bei der Biennale) eher in Dialog tritt, sind jene, die die globale Performance-Geschichte nachhaltiger geprägt haben als die Wiener Aktionisten. Carolee Schneemann etwa, die in Interior Scroll (1975) eine Schriftrolle aus ihrer Vagina zog und damit den weiblichen Körper zur Quelle von Wissen und Autorschaft erklärte – nicht zum Objekt. Marina Abramović, die in Rhythm 0 (1974) ihren Körper als passives Material zur Verfügung stellte und damit die Grenze zwischen Subjekt und Objekt radikal befragte. Hannah Wilke, die mit ihrem nackten Körper als politischer Aussage die Mechanismen des Blicks auf Weiblichkeit sezierte. Und Gina Pane, die Selbstverletzung als rituellen, kontrollierten Akt verstand. Eine Haltung, die Holzingers eigenem Umgang mit Schmerz und Körpergrenzen strukturell näher steht. Was diese Künstlerinnen eint und was Holzingers Arbeit von der aktionistischen Tradition unterscheidet: Der Körper gehört hier den Frauen selbst. Sie inszenieren sich nicht für einen fremden Blick, sondern handeln aus sich heraus. Und wenn man doch in der österreichischen Kunstgeschichte bleiben will, dann nennen wir zumindest zuerst Valie Export und dann erst Hermann Nitsch und Günter Brus.
Ist das Theater oder Kunst?
Die Performance selbst sprengt die Grenzen zwischen Theater und bildender Kunst. Holzinger, die aus dem Theaterbereich kommt, nutzt dramaturgische Spannungsbögen – vom ruhigen Beginn bis zu hochschlagenden Wellen durch einen Jet-Ski. Gleichzeitig entstehen in Momenten des Innehaltens skulpturale Posen, etwa wenn die Performerinnen den „Wetterpfahl“, dessen Ende von außerhalb des Pavillons zu sehen ist, erklimmen und in Dialog mit starren, überlebenslebensgroßen Bronzefiguren treten.
Die Glocke
In die Glocke, die die Besucher:innen des Pavillons empfängt, ist Ciceros Ausruf O tempora, o mores! – „Oh, was für Zeiten! Oh, was für Sitten!“ – eingraviert. Einmal pro Stunde klettert eine Performerin am Seil hoch, hängt sich kopfüber hinein und fungiert als menschlicher Klöppel. Das Motiv ist mehrfach aufgeladen: Es zitiert Hieronymus Boschs Höllenszenen, in denen Menschenkörper an Musikinstrumente gefesselt als Werkzeuge der Bestrafung dienen, und es ist zugleich ein Selbstzitat, denn die Glocke taucht bereits in Holzingers Oper Sancta auf. Gleichzeitig ruft sie die klassische Ikonografie des Kirchengeläuts auf: Die Glocke als Ruf zur Ordnung, zur Messe, zur Gemeinschaft. Hier aber läutet keine Mechanik, kein Ding, sondern ein Frauenkörper – und der Satz, der seit der Antike als Klage über den moralischen Verfall der Zeit gilt, wird nicht gesprochen, sondern verkörpert. Also vielleicht ist der Ausruf dem Ende des Patriarchats gewidmet. Oder dem Verfall Venedigs. Man weiss es nicht.
Mein Fazit
Florentina Holzingers SEAWORLD VENICE ist eine (wie immer bei ihr) hochprofessionelle, dichte Arbeit, die drängende ökologische und gesellschaftliche Fragen aufwirft, ohne dabei allzu moralisierend zu wirken. Durch die Aneignung und Umkehrung kunsthistorischer Motive – von der Renaissance-Venus bis zu Hieronymus Bosch – gelingt es Holzinger, den weiblichen Körper als kraftvolle, selbstbestimmte Instanz zu inszenieren. Wer sich auf dieses intensive Erlebnis einlässt, wird mit eindrücklichen Bildern belohnt.
Referenzen
Ö1 Diagonale Zur Person Florentina Holzinger. Leider schon im Archiv verschwunden – ein wunderbarer Beitrag von Petra Erdmann.
Achtung: Am besten nochmal extra informieren, wann der AT Pavillon geöffnet hat – im Moment ist er am Dienstag geschlossen.
Mehr Infos zum Österreichischen Beitrag zur Biennale und Kuratorinnen-Statement von Nora-Swantje Almes: https://www.seaworldvenice.at/
Du bist Biennale-Anfänger:in – lies hier weiter.