Sun & Sea (Marina) – Biennale di Venezia

Bald nach der Eröffnung der Kunstbiennale in Venedig werden traditionell die Goldenen Löwen verliehen. Wie schon 2017 (Anne Imhof) hat auch 2019 ein Performance-Werk einen der begehrten Löwen bekommen. Und da ich mich im Kunstgeschichte-Studium dieses Semester mit Performancekunst befasse, drängt sich ein Beitrag zu „Sun & Sea (Marina)“ nahezu auf.

Sun & Sea (Marina) - Die Langzeit Opernperformance im Litauen Pavillon

Fotocredit: Andrej Vasilenko, Sun & Sea (Marina), Biennale di Venezia 2019

Der Pavillon

Der Pavillon liegt nicht in den Giardini, sondern am Militärhafen und entwickelte sich vom Geheimtipp während der Eröffnung zum Massenmagnet. Kein Wunder, fühlt sich doch schon das Betrachten des Fotomaterials spektakulär an. Es wird mithilfe von Licht, Architektur & Musik eine Strandszene nachgestellt: komplett mit Sand, allen Items, die man als Urlauber so mitbringt und auch Menschen bevölkern die Szenerie. Sie unterhalten sich, sie spielen Boccia, sie richten sich ihr Plätzchen am Strand ein. Die Künstlerinnen Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė and Lina Lapelytė präsentieren eine Art Langzeitoper, die auf den ersten Blick bunt und entspannt – wie ein Strandurlaub eben – wirkt. Wie meistens bei Kunst, erschließt sich die Bedeutung unter der glatten Oberfläche. In diesem Fall steht der Umgang des Menschen mit den Ressourcen der Erde im Zentrum. Ein brandaktuelles Thema also, das im Litauen-Pavillon als Performance umgesetzt wird.

In der Presseaussendung des Veranstalters (Nida Art Colony of Vilnius Academy of Arts) ist von einem fleshy tableau-vivant die Rede. Als Betrachter steht man über dem Geschehen auf einer Galerie und blickt aus der Vogel-(bzw. Sonnen-)perspektive auf das typische Urlaubsgeschehen. Die Urlauber zeigen eine diverse Demographie hinsichtlich Alter, Herkunft und Status. Im Verlauf des Librettos bekommt der Zuseher Einblicke in die Gedankenwelt der Protagonisten: von unwesentlicheren Ängsten vor Sonnenbrand bis hin zur tiefen Sorge vor Umweltkatastrophen. Von Ärger über Plastikmüll am Meer bis zur Fernreise-Sehnsucht. Die gesungenen Micro-Stories, wie die einzelnen Geschichten genannt werden, verwandeln das Geschehen von einer anonymen Postkartenszene hin zu einer emotionalen Performance, die Zuseher mitnimmt. Die Performance steigert sich im Verlauf – hin zu einem als „universal human choir“ gesungenen Abschluss, eine Art globale Symphonie. Müde Körper als Metapher für einen müden Planeten.

Sun & Sea (Marina) - Die Langzeit Opernperformance im Litauen Pavillon

Fotocredit: Andrej Vasilenko, Sun & Sea (Marina), Biennale di Venezia 2019

Die Künstlerinnen: Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė and Lina Lapelytė

Die Künstlerinnen sind seit ihren Schultagen miteinander befreundet und haben schon vor „Sun & Sea (Marina)“ Preise für ihre zeitgenössische Opern-Projekte gewonnen (z.B „Have a good day!“). In ihrer Zusammenarbeit legen sie besonderen Wert auf die Beziehungen zwischen Dokumentation und Fiktion, Realität und Poesie. Auch die Schnittmengen zwischen Theater, Musik und bildende Kunst spiele eine wesentliche Rolle, wie man auch an „Sun & Sea (Marina)“ unschwer erkennen kann. Venedig als Aufführungsort für eine Oper rund um den Klimawandel und unseren doch noch immer sorglosen Umgang mit der Erde ist eine passende Wahl: mehr Touristen als Einwohner und eine Veranstaltung zu der Menschen aus aller Welt für wenige Tage einfliegen.


Die Begründung der Biennale-Jury

Warum haben sie nun den #goldenlion konkret gewonnen? In einem YouTube Video kann man die Preisverleihung (die im übrigen gar nicht so glamourös ist, wie man es sich vorstellt) ansehen. Ich habe die Begründung der Jury für meine Leser zusammengefasst bzw. abgetippt: The Golden Lion for best national participation  goes to Lithuania for the experimental spirit of the Pavillion and its unexpected treatment of national representation, for the inventive use of the venue to present a Brecht opera as well as the Pavilions engagement with the city of Venice and it’s inhabitants. Sun and Sea (marina) is a critique of leisure and of our times as sung by a cast of performers and volunteers who train everyday people.

Nach dem Überreichen des Preises bedankten sich die Künstlerinnen mit kurzen Statements, in denen sie hervorheben, dass es ein Stück über die Liebe ist und darüber, dass man die Impulse, die man sendet, auch zurückbekommt.

Sun & Sea (Marina) - Die Langzeit Opernperformance im Litauen Pavillon

Fotocredit: Andrej Vasilenko, Sun & Sea (Marina), Biennale di Venezia 2019

Im Juni bin ich dann endlich selbst vor Ort und werde sicher, wie schon vor 2 Jahren, wieder eine Übersicht über meine Lieblinge schreiben. Auch 2017 hat mich schon eine Performance begeistert.

GOOD TO KNOW

💡Die Installation ist täglich außer Montag von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Die Performance findet nur samstags statt. Auf der Facebook-Seite des Pavillons werden regelmäßig Updates gepostet, die sollte man sich vor dem Besuch auf jeden Fall ansehen.
💡Der Litauen Pavillon ist der erste überhaupt, der diese Location im Rahmen der Biennale nutzt.
💡Laufende Berichterstattung über News aus dem Pavillon bieten z.B. die sozialen Netzwerke Facebook und Instagram .
💡Wer sich für Performance Art interessiert, sollte dieses Woche unbedingt zu dieser (kostenlos zugänglichen) Konferenz in Wien gehen: Untimely Media

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.