Interview: Fotografin Nurith Wagner-Strauss

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich von meinen Erfahrungen in der Ausstellung „Aging Pride“ im Unteren Belvedere berichtet. In eines der Bilder habe ich mich sehr verliebt: das Porträt von Ruth Appel, das von Fotografin Nurith Wagner-Strauss gemacht wurde. Die Wiener Fotografin hat zwei Fotos in knappen Abstand zueinander gehängt – das vordere Porträt stellt die „Seele“ dar, die sich sozusagen ein kleines Stück vom Körper entfernt hat. Der Gesamteindruck, den die Installation hinterlässt, ist aber keineswegs beängstigend, sondern sehr positiv.

Nurith Wagner Strauss: Gel(i)ebtes Leben: Ruth Appel, 88

Weil mich das Bild nicht losgelassen hat, habe ich beschlossen Nurith um ein Interview zu bitten und siehe da, es hat ganz schnell geklappt und ich konnte meine neugierigen Fragen zu ihrer Arbeit stellen.

Nurith, warum ist dir das Thema „Alter“ wichtig?

Nurith Wagner-Strauss, Fotocredit: Claudia Prieler

Ich habe ich mir als Kind sehnlich eine Großmutter gewünscht (meine Großeltern waren schon gestorben als ich zur Welt kam) und so habe ich immer wieder die Nähe zu Freundinnen gesucht, deren Großmutter im selben Haus wohnte, weil mir das eine ganz spezielle Art von Geborgenheit vermittelte.

Dann hatte ich vor etwa 20 Jahren, als ich an meinem Projekt „Mütter & Töchter“ arbeitete, bei dem ich Mütter und Töchter quer durch alle Sozialschichten, Altersgruppen und in verschiedenen Ländern photographierte, ein Erlebnis, das mich sehr berührte. Ich war, gemeinsam mit meiner damals siebenjährigen jüngsten Tochter am Süd-Peloponnes und photographierte eine 100-jährige Hirtin mit ihren beiden Töchtern. Ich war mit meiner Tochter und der alten Frau lange Zeit in ihrem Zimmer. Sie war beinahe blind und saß einfach nur auf ihrem Bett. Wir hielten und streichelten ihre Hände, die sich so weich und glatt anfühlten wie Seidenpapier und der ganze Raum war von einer wunderbaren Atmosphäre der Ruhe und des Friedens erfüllt – ich konnte mich nur schwer losreißen.

Später sprach mich eine Freundin an, die Ärztin an einer Geriatrie ist, und erzählte mir, dass immer wieder wunderschöne und interessante alte Frauen bei ihr auf der Station seien und ob ich sie nicht photographieren möchte.

Auch hier fühlte ich mich jedes mal reich beschenkt, wenn ich nach einem Phototermin wieder nach Hause fuhr.

Für mich ist es unheimlich spannend, was am Lebensabend von der Persönlichkeit eines Menschen übrig bleibt. Ein Teil der Frauen, die ich damals auf der Geriatrie photographierte, war bereits dement und es interessierte mich auch, was von der Sprache übrig bleibt. Oft erkennt man an den Satz-Fragmenten, welche Kraft die Sprache dieser Frau einmal hatte.

Zuletzt ist es natürlich auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Altern – das ja für uns Frauen, in unserem Kulturkreis und zur jetzigen Zeit gar nicht so einfach ist.

Warum porträtierst du vorrangig Frauen?

Anfangs, auf der Geriatrie, habe ich auch einzelne Männer photographiert. Aber ich bin einfach eine Frauen-Photographin. Vielleicht auch weil ich in einem Frauenhaushalt groß geworden bin, mit alleinerziehender Mutter und zwei Schwestern. Die gemeinsame Weiblichkeit verbindet! Mein Hauptinteresse in der Photographie gilt im Allgemeinen tatsächlich Frauen und Kindern in einem sozialen Kontext.

Nurith Wagner Strauss: Gel(i)ebtes Leben: Helene G., 86

Wie haben die „Dargestellten“ auf deinen Wunsch, sie zu portraitieren, reagiert

Alle Frauen, die ich portraitierte, freuten sich an dem Interesse, das ich Ihnen entgegenbrachte, obgleich gelegentlich Einwände kamen, dass sie doch nicht mehr „schön“ seien – was ich allerdings immer erfolgreich entkräften konnte.

Wie erfasst du die Person – Du wirst ja nicht immer ewig lange Zeit haben, mit ihr zu sprechen und das Wesen zu erkennen?

Ich nehme mir immer ausreichend Zeit, um Portraits zu machen. Ganz wichtig ist das Gespräch mit den Frauen. Sie spüren, dass ich ein echtes Interesse an ihrer Geschichte habe, öffnen sich (auch ich öffne mich) und so kommen nach und nach die Schönheit und der Wesenskern der Frau zum Ausdruck, die ich dann mit meiner Kamera „einfangen“ kann.

Der Schlüssel zu meinen Photos ist tatsächlich das liebevolle Interesse, das ich den Menschen entgegenbringe, glaube ich.

Nurith Wagner Strauss: Gel(i)ebtes Leben: Annemarie H., 92

Mich hat das eingangs genannte & gezeigte Bild wirklich sehr berührt – wie bist du auf die Idee mit der Installation  im Belvedere gekommen? 
Die Idee mit der Installation kam mir sehr bald in den Sinn. Einerseits überlegte ich, wie wichtig es ist, die Geschichten der Frauen aufzuzeichnen, die ja sonst verloren gehen – was bedeutete, die Frauen aus ihrer Kindheit und Jugend erzählen zu lassen und also Tonaufnahmen zu erstellen.

Mir fiel dann auf, dass bei jeder Portrait-Sitzung mindestens ein Photo dabei war, auf dem die Frau irgendwie entrückt wirkte – und so war das nächste, was mir in den Sinn kam, die Idee mit dem durchscheinenden Bild, welches durchaus metaphorisch gemeint ist.
Mit Ruth Appel bin ich mittlerweile befreundet, wir duzen einander, telefonieren, sie lädt zum Tee ein. Sie ist wirklich eine ganz besondere Frau, ist aktiv, reist, schickt E-Mails und ich bin sehr dankbar, dass ich sie kennenlernen durfte – durch eine meiner Freundinnen, deren ehemalige Schwiegermutter Ruth ist.

Aber ich muss sagen, dass jede der Frauen, die ich photographiert habe, auf ihre Art und Weise etwas Besonderes ist. Und ich entdecke bei jedem dieser Termine irgendwo auch einen kleinen Teil von mir selbst…

Vielen Dank für diese sehr persönlichen Einsichten – ich freue mich schon auf die nächste Ausstellung mit deinen Werken!

Nurith Wagner-Strauss ist freischaffende Photographin, fotografiert unter anderem auch für die Wiener Festwochen. In ihren künstlerischen Fotos konzentriert sie sich auf die Darstellung von Frauen und Kindern in sozialem Kontext. Ihre Arbeiten kann man zB in ihrem Flickr Fotostream bzw. auf ihrer Website bewundern. Oder in der Ausstellung „Aging Pride“ im Unteren Belvedere.

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